|
Geschrieben von Administrator
|
|
Dienstag, 18. Juli 2006 |
…eine Frau hastet die unbefestigte Dorfstrasse von Lauterbach im Erzgebirge entlang. Ihr langes Haar hängt strähnig herab bis auf das dunkle, grob gewebte Tuch das sie um die Schulter gelegt hat und mit der linken Hand vor dem Hals zusammenrafft.
Mit der rechten zieht sie eine weiß-braune Ziege hinter sich her, die sich gegen diese nächtliche Treiberei mit bocken und lautem Meckern verzweifelt wehrt. Ein kleiner Junge schiebt sie von hinten mit aller ihm zur Verfügung stehenden Kraft. Andere Menschen hasten ebenfalls schemenhaft vorüber, kaum ein Wort redend. Viele haben kleine Bündel in den Händen. Offensichtlich haben sie in aller Eile nur das Nötigste zusammengepackt und schnell ihr Haus verlassen. Geisterhaft liegt fahles Mondlicht über den kleinen Hütten, meist aus Holz oder Naturstein gebaut. Es wird nicht viel gesprochen, alle sind in Eile, ihre Augen sind angstvoll weit geöffnet. „Die Hussiten kommen…, die Hussiten…“, murmelt ein alter Mann mit seinem zahnlosen Mund und hastet weiter. Der Spruch wird aufgenommen von der Menge und wie ein Rauschen geht es die Dorfstrasse herunter bis zum letzten, „…die Hussiten kommen…“.Mann schreibt das Jahr 1429. Die Hussiten dringen vom Böhmischen kommend, die Salzstrasse entlang ein in das Erzgebirge. Die Nachrichten sagen nichts Gutes. Die Händler und Kaufleute, die diese Nachricht aus dem Böhmischen mitbringen, sprechen vom grausamen Vorgehen der Hussiten gegen Deutsche, von Massakrierungen und Vertreibungen. Sie schildern die Eroberungen von katholischen Klöstern und Besitztümern sowie von heftigen und siegreichen Kämpfen gegen die Heere des Papstes.Die Menschen die hier die Dorfstrasse in Lauterbach, nahe Marienberg, entlang hasten spüren die Gefahr für sich selbst und ihren bescheidenen Besitz. Die einzige Möglichkeit sich vor den heranrückenden Hussiten zu schützen, ist die Wehrkirche, die inmitten des Dorfes dunkel vom fahlen Licht des Mondes abhebt und der alle hier auf der Dorfstrasse hinstreben.
Die Wehrkirche zu Lauterbach ist anders als die normalen Gotteshäuser. Trutzig und im wahrsten Sinne wehrhaft steht sie in dem unwirklichen Licht. Kleine vergitterte Fenster brechen sich wie Schießscharten in die dicken Wände aus Natursteinen. Unter dem Dach umschließt ein Wehrgang die gesamte Kirche und der Eingang wird durch eine Tür aus dicken Eichenbohlen verschlossen, die aber jetzt weit aufsteht und durch die jetzt die Menschen in ihrer verzweifelten Angst hasten.
Nur wenige Stunden später zieht der Tross der Reiterscharen der Hussiten durch Lauterbach, weiter hinein in das Erzgebirge. Die Lauterbacher werden verschont. Diesmal ist das Ziel das große Zisterzienserkloster in Grünhain, das 1429 durch die Hussiten eingenommen und eingeäschert wurde. So in etwa könnte es sich abgespielt haben in diesen Jahren im Erzgebirge. Die Wehrkirchen des Erzgebirges, heute noch erhalten in Lauterbach, Großrückerswalde und Dörnthal, leisteten wertvolle Dienste beim Schutz der oft armen Landbevölkerung, denn die Burgen und Schlösser wurden für sie in Gefahr nicht geöffnet. Wie zum Beispiel die Burg Niederlauterstein im Tal der Schwarzen Pockau, nur wenige Kilometer von Lauterbach entfernt. |
|
Letzte Aktualisierung ( Dienstag, 1. August 2006 )
|